Amb. Pflege Sprave

Stahlbaustr. 8

44577 Castrop-Rauxel

02305-97390

Das Buch über ambulante Gesundheits- und Krankenpflege mit besonderer
Berücksichtigung von Pflegedienst Sprave wird wie folgt gegliedert sein:

-Allgemeines zu Pflege und Pflegebedürftigkeit (historisch und aktuell).
-Der Pflegedienst Sprave (Gründung und Wachstum, heutiges Unternehmen, Wirkungen
in der Region Castrop-Rauxel)
-Texte zu Gepflegten und Pflegenden

Nachfolgend sind knappe Auszüge aus dem Buch in der derzeitigen Rohfassung
zusammen gestellt, um einen inhaltlichen Eindruck zu vermitteln.

Das Buch ist im Juni 2012 erschienen und ist im gesamten deutschen Buchhandel
verfügbar.


1.Pflege, die das Leben begleitet


Pflege versteht man dann ein wenig besser, wenn man sich darüber Klarheit verschafft,
wie sie unser aller Leben von Beginn an durchdringt. Jede und jeder pflegt sich, seine
Beziehungen, Erinnerungen und all das, was einem lieb und teuer ist  an Gegenständen
oder inneren Werten. Wir alle kennen das, dass wir einen Menschen eine gepflegte
Erscheinung nennen, einen gepflegten Garten bewundern und gepflegte Unterhaltungen
schätzen. In einer gepflegten Umgebung lässt sich anders arbeiten, ein Vorgesetzter, der
seine Verantwortung für Unternehmen und Mitarbeiterschaft pflegt, ist ein umgänglicherer
Mensch als einer, der das nicht oder nur wenig tut. Irgendwie ist das eine Erfahrung, die
wir mit dem Gepflegtsein verbinden, die mit den zentralen Werten und Wertschätzungen
zu tun hat. Irgendwie erleben wir etwas anderes, gehaltvolleres, wenn wir uns im
Gepflegtsein begegnen. Bemerken Sie, von wie zentraler Bedeutung Pflege für das Leben
ist? Vermögen Sie es, Pflege (jetzt erstmal) von Krankheit, Schwachheit und
Gebrechlichkeit zu lösen? Dann sind Sie auf dem besten Wege zu der wahren und
wichtigen Einsicht, dass wir Menschen alle per se pflegebedürftig sind. Wo sich Pflege in
unserem Leben nicht ereignet, läuft immer irgend etwas Gefahr, zu verwildern und
schließlich auch zu vergehen.
...

Pflegebedürftig ist jede und jeder


Bemerkenswert ist, dass es nichts (und niemanden) auf dieser Welt gibt, was nicht
irgendwann gepflegt wurde. Kein Leben kann ohne Pflege beginnen, das ist klar, denn wir
alle wurden schwach und unerfahren geboren. Es ist auch kein Leben, das im weiteren
Fortgang ohne Pflege auskäme, auch wenn wir Menschen im Vollbesitz unserer
körperlichen und geistigen Kräfte selbst und nach eigenem Bedürfnis und Stil auszuführen
in der Lage sind, was uns so gepflegt erscheinen lässt, wie wir es selber für uns wollen.
Und dann sind da Situationen, in denen für das eine oder andere im Leben die eigene
Kraft nicht mehr reicht. Dann sind wir zwar nicht pflegebedürftiger als sonst auch, aber wir
können es eben nicht (mehr) aus eigener Kraft leisten und sind für die Hilfe durch andere
darum auch so dankbar. Pflegebedürftig zu sein ist nicht spektakulär, sondern zutiefst
menschlich, denn wir sind es alle. Etwas nicht allein zu schaffen, ist eine für sich
genommen alltägliche Erfahrung, die in gewissen Phasen unseres Leben intensiver und,

im hohen Alter zum Beispiel, vordergründig sein kann.

Wir machen etwas verkehrt, wenn wir bei dem Begriff Pflegebedürftig zuerst an alte und
kranke Menschen denken. Wir folgen dann zwar all dem, was uns aus öffentlicher
Meinung und politischen Diskussionen nahegelegt wird, aber wir übersehen trotzdem das
Wesentliche, das darin besteht, dass es in Alter und Krankheit nicht darum geht,
pflegebedürftig zu sein, sondern etwas nicht mehr oder nicht mehr so gut allein zu können,
wie in anderen Zeiten des Lebens.

Pflege ist eine wichtige, möglicherweise eben sogar die wichtigste Tätigkeit im Leben.
Und wo der große Atem des Lebens vieles im Zusammenhang der Natur aus den
Ereignissen von Wetter und Wind gepflegt sein lässt, ist es uns Menschen zu einem
größten Teil aufgegeben, selbst und aus aus eigenen Impulsen und Einsichten zu pflegen.

...

Was einem von Wert ist, wird man pflegen. Um etwas als wertvoll zu erachten, muss man
es genauer kennen, als anderes. Insofern wird jeder Mensch sich selbst gern pflegen,
ungeachtet der Tatsache, in welchen Intervallen er den Friseur aufsucht, was er für seine
Nahrung als ausreichende Qualität erachtet oder wie intensiv er mit anderen Menschen
den Umgang pflegt. In all diesen Entscheidungen sind wir verschieden, folgen wir eigenen
Maßstäben, sind uns aber vom Grundsatz her darin einig, dass wir im übertragenen Sinne
unseren Weg durchs Leben nur dann und so machen können und werden, wie die
Ausrüstung beschaffen ist und wie vorbereitet und trainiert wir uns ins Abenteuer begeben.


2.Die Pflege von Kranken - einst und jetzt


Krankenpflege. Woran denkt man, wenn man diesem Begriff begegnet, zuerst? Vielleicht:
An Menschen, die nicht mehr können was sie wollen, die aufgrund von Krankheit oder
Alter für eine Zeit lang oder für immer so geschwächt sind, dass sie der Hilfe durch andere
bedürfen. An eine ultimative Situation also, in die sich niemand hinein wünscht ? und von
der doch jeder Mensch weiß, dass sie zum Leben genauso dazugehört, wie die volle
Leistungskraft, die uneingeschränkte Beweglichkeit und was auch immer noch den
gesunden Menschen auszuzeichnen vermag.

Man denkt beim Begriff Krankenpflege auch bald an diejenigen Menschen, die sich den
Hilfsbedürftigen zuwenden. Zum Beruf gehört, darin sind sich alle schnell einig, eine gute
Portion Idealismus. Ohne Liebe, Menschenliebe geht da nichts, denn die Belastungen, die
körperlichen und seelischen, die diesem Berufsbild anhaften, sind groß. Menschen, die
beruflich in der Krankenpflege tätig sind, arbeiten an verschiedenen Orten des alltäglichen
Lebens. Die Agentur für Arbeit zählt auf ihrer Website auf: ?Gesundheits- und
Krankenpfleger/innen arbeiten hauptsächlich in Krankenhäusern, Facharztpraxen oder
Gesundheitszentren. Beschäftigt sind sie auch in Altenwohn- und -pflegeheimen, in
Einrichtungen der Kurzzeitpflege, in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung sowie
ggf. in Pflegestützpunkten. Darüber hinaus können sie in anderen Einrichtungen, etwa den
Krankenstationen oder Hospitälern von Schiffen tätig sein. Gesundheits- und
Krankenpfleger/innen arbeiten heutzutage allerdings nicht mehr nur stationär in
Einrichtungen oder Heimen, sondern auch in zunehmender Zahl ganz und gar dort, wo

sie mitten im Leben gebraucht werden. Das Feld der ambulanten Pflege, so neu und
aktuell, dass es ein stetig wachsendes ist, findet sich in der Aufzählung der Arbeitsagentur
nicht erwähnt, obwohl es für einen der Pflege bedürftigen Menschen nichts schöneres gibt,
als in den eigenen vier Wänden, in der vertrauten Umgebung also, versorgt zu werden.
Krankenpflege entwickelt sich auch heute noch immer weiter. Es ist ein Beruf, in dem sich
schon durch jeden Menschen, der Hilfe sucht ein Neuland ergibt. Denn: Kein Mensch ist
genau wie der andere, jeder ist einzigartig, hat sein Leben hinter sich und vor sich, trägt
seine Erlebnisse und Erinnerungen mit sich wie einen Schatz, den es als Quell für
Erfahrungen, als Ort gelebter Geschichte zu entdecken und zu schützen gilt. Im tieferen
Sinne ist genau das eine Seite des Krankenpflege-Berufs, die, für uns alle, zu den
wesentlichen gehört.

...

Als wir uns im vorangegangenen Kapitel damit beschäftigt haben, wo überall in unser aller
Leben Pflege eine Rolle spielt, haben wir schließlich die Feststellung gewagt, dass jeder
Mensch immer und für die ganze Zeit seines Lebens pflegebedürftig ist. Lediglich der
Bedarf für fremde Hilfe im Gepflegtwerden ist in den verschiedenen Lebensabschnitten
und -situationen verschieden. Pflege ist für sich genommen also ein elementarer
Bestandteil unseres Lebens, möglicherweise sogar der wichtigste nach Ernährung,
Kleidung und Wohnung.

...

Krankenpflege als Beruf

...

Das Wirken von Florence Nightingale erfolgte in einem Umfeld, das sich bereits in eine
Richtung entwickelt hatte, in der sich die Krankenpflege als Berufsbild zunehmend
etablierte. Florence Nightingale hatte schon vor ihrer Abreise nach Scutari in Kaiserswerth
hospitiert, wo der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner 1836 eine ?Bildungsanstalt für
evangelische Pflegerinnen gegründet hatte. Mit dieser Institution begegnete Theodor
Fliedner dem Missstand, der darin bestand, dass in den Krankenhäusern der damaligen
Zeit zwar Wärterinnen? beschäftigt waren, die Kranken aber weitgehend sich selbst
überlassen blieben. Ein solides Ausbildungswesen wurde von ihm geschaffen, in dem es
damals noch den Ärzten oblag, die Pflegekräfte auszubilden. Als Diakonissen wurden sie
hernach in Krankenhäuser entsandt, aber auch in häusliche Krankenpflegen vermittelt,
was zugleich als Beginn der ambulanten Pflegedienste gelten kann. Neben der
medizinisch-pflegerischen Professionalisierung der künftigen Gemeindeschwestern
gehörte auch eine religiöse Ausbildung zum Konzept. Zwar standen auch damals die
körperlich bedingten Bedürfnisse der Patienten im Vordergrund der pflegerischen
Intervention, aber die Pflege der Seele war damit untrennbar verbunden. Eine klare
Notwendigkeit, der heutzutage zwar mit Verständnis, aber zuweilen zu geringen
Ressourcen begegnet wird.

...

Mit der gründlichen Ausbildung und der Entsendung der Diakonissen in diverse
Krankenhäuser stieg auch das Ansehen, dass den Krankenschwestern entgegengebracht
wurde. Ein historisch gewachsener Makel verschwand, auch weil die Auswahl der jungen
Frauen vor Beginn der Ausbildung eine gründliche war. Seit dem Jahr 1850 waren

Diakonissen auch in der Charité in Berlin tätig. Das 1710 als ?Pesthaus gegründete
Krankenhaus war mittlerweile im Zusammenwirken mit der Humboldt Universität zur
bedeutenden Einrichtung für Forschung und Lehre in der Humanmedizin geworden. Hier
wirkten die besten Ärzte der damaligen Zeit, die allerdings, liberal gesonnen, mit der
religiösen Einstellung der Diakonissen Probleme bekamen. So war es der berühmte Arzt
Rudolf Virchow der sich schließlich erfolgreich für eine konfessionsfreie Ausbildung und
Ausübung der Krankenpflege engagierte. Für die damalige Zeit ein weiterer wichtiger
Entwicklungsschritt, den medizinischen Leistungsbereich von seiner Bindung an die
Kirchen zu befreien und nach rein naturwissenschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten
auszurichten. Zusammen genommen kann die Mitte des 19. Jahrhunderts zugleich als die
Zeit der Geburt der modernen Humanmedizin und Krankenpflege gelten.


Pflege und Pflegewissenschaft


Eigentlich mutet es als selbstverständlich an, dass man Mitmenschen unterstützt und
pflegt, die aus eigener Kraft noch nicht oder nicht mehr für sich sorgen können. Wir haben
uns daran erinnert, dass kein menschliches Leben ohne pflegerische Zuwendung beginnt
und es ist in den allermeisten Fällen auch so, dass das Leben in seiner letzten Phase der
hilfreichen Zuwendung durch Mitmenschen bedarf. Sind im einem Falle Kräfte, Fähig- und
Fertigkeiten für das Befriedigen der leiblichen (und seelischen) Bedürfnisse noch nicht
ausgebildet, so sind im anderen Falle, dem der Krankheit, des Alters oder der sonst wie
indizierten Behinderung, eben diese Möglichkeiten nicht mehr gegeben. Dazwischen liegt
die meist längste Phase des Lebens, in der wir Menschen selbst dafür sorgen können,
dass es uns gut geht. Der Bedarf, den eigenen Leib und seine Seele zu pflegen, begleitet
uns durch unser ganzes Leben.
...

4.Die ambulante Pflege
...

Durch die demografische Entwicklung, die zu einem Älterwerden der Gesellschaft führt,
aber auch durch veränderte Familienstrukturen ergibt sich ein Bedarf, der auf die Zukunft
gesehen nur schwer einzuschätzen ist. Hinzu kommt, dass durch die zunehmende
Ökonomisierung und Rationalisierung des Krankenhausbetriebs die Verweildauer in den
Kliniken abnimmt und damit die Bedeutung der ambulanten Pflege als Fortsetzung oder
Ersatz der stationären zunimmt. Wir haben es also hinsichtlich der steigenden Verbreitung
ambulanter Pflegen mit einer sozialen (Demografie) und zugleich einer ökonomischen
(Einsparungen im Krankenhausbereich) Ursache zu tun.

...

Pflegedienste wirtschaften unter Führung und Aufsicht einer geeigneten, mithin
unternehmerisch tätigen Fachkraft als ambulante Einrichtung selbstständig. Sie werden
dort auf Anfrage tätig, wo Hilfsbedarf im allgemeinen pflegerischen Sinne besteht. Bei der
Definition dessen was Pflegebedürftigkeit überhaupt ist, tut man sich in der Politik
allerdings immer schwerer. Ein tiefgreifendes Problem besteht mindestens aus
soziokultureller Sicht dabei besonders darin, dass man den Begriff der Pflegebedürftigkeit
erstrangig aus dem der zeitweisen, fortschreitenden oder dauernden Behinderung eines
Menschen entwickelt. Dadurch wird das Thema zu einem das diejenigen, die einer Hilfe
bedürfen per se ausgrenzt. Unter der Voraussetzung, dass mit der Pflegebedürftigkeit

nicht zugleich auch die Tatsache verbunden ist, dass jemand einer fremden Hilfe bedarf,
dass also jeder Mensch der Pflege bedarf, auch und wenn er sie für sich selbst leisten
kann, kommt Pflege in dem Bereich gesellschaftlicher Wertschätzung (wieder) an, wo sie
auch hingehört, nämlich mitten in unser aller Leben.
...

Was kann anders werden?

Mit der Wertschätzung dessen was geleistet wird, kann auch etwas für eine Veränderung
der oft belasteten Ist-Situation der ambulanten Pflegedienste getan werden.
Wertschätzung bedeutet, dass man sich mit dem beschäftigen kann was ambulante Pflege
ist, unabhängig davon ob man selbst Betroffener ist und unter Umständen auch bevor
man selbst dessen Leistungen in Anspruch nimmt. Dazu gehört es, die grundsätzliche
Stellung des medizinischen Leistungsbereichs in unserer Gesellschaft zu hinterfragen, die
ihm und damit auch den ambulanten Pflegediensten vom Gesetzgeber zugewiesen wurde
und wird. Marktwirtschaftliche Konkurrenz hat im Gesundheitsbereich nichts zu suchen,
denn da gehört sie schon gar nicht hin.

...

Es gibt in Deutschland mittlerweile mehr als 10.000 ambulante Pflegedienste mit über
200.000 Beschäftigten. Damit sind ein Drittel aller Gesundheits- und Krankenpfleger/innen
in ambulanten Diensten tätig und auf etwa 28 Beitragszahler der gesetzlichen
Pflegeversicherung kommt ein Pflegefall, für den monatlich durchschnittlich etwa 760 Euro
aufgewendet werden. Im Jahr 2005 zum Beispiel schrieb die gesetzliche
Pflegeversicherung noch ein Defizit von 365 Mio. Euro. Um zu verstehen, um welche
Größenordnung es sich im Blick auf alle gesetzlich Pflegeversicherten handelt, kann man
sich klarmachen, dass damals die Unterdeckung durch einen Zusatzbeitrag von 7,30 Euro
pro Kopf auszugleichen gewesen wäre. Das hätte 2005 einer Beitragserhöhung von 0,35
Prozent entsprochen. Hätte man das Defizit durch Einsparungen bei den tatsächlichen
Pflegefällen realisieren wollen, wären Leistungen im Wert von monatlich 15,58 Euro
gestrichen worden. Seit dem Jahr 2008 beträgt der Beitrag zur gesetzlichen
Pflegeversicherung 1,95 Prozent, für 2013 ist eine Erhöhung auf 2,05 Prozent geplant.
Mittlerweile werden aber von der Pflegeversicherung auch Überschüsse erwirtschaftet. Im
Jahr 2011 waren das rund 300 Mio. Euro, womit sich der Mittelbestand auf 5,43 Mrd. Euro
erhöhte. Warum werden diese so vorhandenen Finanzmittel nicht dafür verwendet, die
Arbeitsbedingungen der Pflegenden zu verbessern und damit die Qualität der Pflege zu
steigern, notfalls auch durch ein überdachtes Verändern der bisher gültigen gesetzlichen
Grundlagen


6.Der Pflegedienst Sprave

Der Unternehmer Ralf Sprave und sein Pflegedienst


Eine Firma, die 36 Menschen beschäftigt, ist ein Faktor im regionalen, ökonomischen
Zusammenhang. Der Pflegedienst Sprave im nordrhein-westfälischen Castrop-Rauxel ist
ein solches Unternehmen. 1997 vom Inhabergeschäftsführer Ralf Sprave und seiner
Ehefrau gegründet, ist der ambulante Pflegedienst regional etabliert und beispielhaft
vernetzt. Gute und gepflegte Kontakte zu Menschen und Firmen, die das Angebot des
Dienstes fachlich und sachlich ergänzen, sind im laufe der Jahre ebenso entstanden, wie

die zu den gepflegten Personen und ihren Angehörigen. Manche Patienten werden von
Anbeginn an betreut, andere kamen später zum Kreis der immer etwa 100 Menschen
dazu, weil ihnen der Pflegedienst Sprave ausdrücklich empfohlen wurde oder sie bereits
mit Angehörigen erlebt haben, wie diese Firma und ihr Personal arbeiten. Für die Stadt
Castrop-Rauxel und deren regionale Umgebung hat sich mittlerweile viel entwickelt, mit
dem der Pflegedienst weit mehr, als nur das eigene Aktionsfeld prägt.


Die Idee, einen Pflegedienst zu gründen

Nun ist es das Eine, als Dozent in der Ausbildung tätig zu sein. Etwas anderes ist es, mit
vollem unternehmerischem Risiko einen ambulanten Pflegedienst zu gründen und zu
betreiben. Die Familie Sprave war mittlerweile gewachsen, vier Kinder waren zu ernähren
und zu versorgen, wofür das Dozentengehalt eine sichere Basis war. Als ein Freund ihm
vorschlug, einen Pflegedienst zu gründen, fand diese Idee darum auch nicht gleich die
begeisterte Zustimmung der Ehefrau. Er wagte es trotzdem. ?Weil ich schon einmal aus
der sicheren Berufssituation bei der Bahn in die Ausbildung zum Krankenpfleger
gewechselt war, wusste ich, wie es sich anfühlt, gewohnte Sicherheiten aufzugeben.
Außerdem war es damals eine gute Zeit, um einen Pflegedienst zu gründen, denn davon
gab es seinerzeit längst noch nicht so viele wie heute. Im Raum Essen machten wir uns
schlau und begannen, die Gründung vom eigenen Dienst vorzubereiten.? Das war Ende
1996 und Anfang 1997. Sein Vater, der es kannte selbstständig zu arbeiten, machte Ralf
Sprave Mut, in dem er sagte, er solle doch einfach mal damit anfangen, die neue Idee in
die Tat umzusetzen. Gesagt, getan!
...


Ein Pflegedienst und seine Wirkung


Als eines seiner jüngsten Projekte engagiert Ralf Sprave sich verantwortlich für die
Gründung und den Betrieb eines Hospiz. Dafür hat er viele Menschen zusammen
gebracht, die es mittlerweile geschafft haben, dass in einem eigens dafür errichteten Haus
an der Stadtgrenze zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel Menschen einen würdevollen
Abschied aus ihrem Erdenleben erfahren können. Eine Stifterin hat es mit ihrer finanziellen
Zuwendung maßgeblich mit ermöglicht und Ralf Sprave hat vieles geschultert und
koordiniert, bis es soweit war. Und das Personal kam, weil man sich kannte und wusste,
dass Sprave wieder etwas neues anfängt.


Das Netzwerk im medizinischen Leistungsbereich

Der Pflegedienst in Castrop-Rauxel ist etabliert und angesehen. Man hat sich einen guten
Ruf erarbeitet und Erfahrungen gesammelt. Das allein ist Grund genug dafür, das
Erreichte (immer wieder) auszuwerten und dort zur Verfügung zu stellen, wo es sinnvoll
ist. Ralf Sprave hat dafür eine GmbH gegründet. Mein Pflegeservice heißt sie und bietet
den Rahmen dafür, dass sich Pflegedienste weit über die Grenzen von Castrop-Rauxel
hinaus deutschlandweit miteinander vernetzen. Da gibt es beim erfahrenen
Pflegedienstleister keine Berührungsängste, ganz im Gegenteil. Und das kennt Ralf
Sprave aus Erfahrung.

Einmal hörte ich, dass es angeblich unmöglich sei, Pflegedienste miteinander zu

vernetzen und in eine Zusammenarbeit zu bringen. Das hatte man angeblich in unserer
Region schon ausgiebig versucht. Na ja, dieses Wort unmöglich hat dann meinen
Ehrgeiz angestachelt und ich hab mich dieser Aufgabe angenommen.? Damals vor gut
zehn Jahren warb er unter den Pflegediensten in Castrop-Rauxel für die Idee der
Zusammenarbeit und war für den Anfang zufrieden, als sich zwei andere Anbieter dazu
bereit fanden, mit ihm zusammen das Experiment zu wagen. Aber wie beginnen? Ralf
Sprave bot in den Schulungsräumen einer Apotheke erstmal kostenlose Fortbildungen an.
Das wurde gern angenommen, hat sich immer weiter entwickelt und heutzutage machen
weitaus die meisten Pflegedienste der Region dabei mit. Und das Netzwerk ist auch in die
Richtung anderer Firmen gewachsen. Wir haben mittlerweile Kooperationspartner, die
alles abdecken, was mit der Pflege zu tun hat. Apotheken, Sanitätshäuser, Ärzte ? alle
sind irgendwie vertreten. Das ist faktisch ein ganzes Portfolio von Menschen, die ich alle
persönlich kenne. Längst ist auch inhaltlich mehr dazu gekommen, man berät sich in
Fachfragen, organisiert gemeinsame Veranstaltungen und Präsentationen (Jüngst im
Rahmen einer Veranstaltung der Arbeitsagentur zur Gewinnung von Auszubildenden. Ralf
Sprave meint übrigens, das sei die beste Investition ...). Mittlerweile ist das Vertrauen
untereinander sogar so gewachsen, dass man miteinander über die Bilanzen der Firmen
diskutiert. Es ist interessant und lehrreich für alle, wenn man erfahren kann, wo für einen
Pflegedienst der Break Even, also die Gewinnschwelle liegt und was jemand getan hat,
um diesen Punkt in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. Auch das ist ein Erfolgsrezept:
Gelebte Kooperation statt Konkurrenz!
...


Einer der Texte zu den Pflegenden:


Gute Organisation ist alles

Der Arbeitsbereich von Ulrike Sprave


Die Kunden eines Pflegedienstes sind hilfsbedürftige Menschen. Aus welchen Gründen
auch immer nehmen sie die Leistungen der Pflegekräfte in Anspruch, die dafür aus den
Leistungen verschiedener Kassen vergütet werden. Nun gehen die Pflegedienste vor dem
Hintergrund ihrer Aufgaben und abrechenbarer Vergütungen verschiedene Wege, wenn es
darum geht, wie sie ihre Arbeit verrichten. Nahe liegend ist es, Leistungen als solche
buchstäblich minutiös zu organisieren, zu erfassen und abzurechnen. Unter einer solchen
Voraussetzung würde man dauernd darum bemüht sein, Prozesse zu optimieren, speziell
befähigte Mitarbeiter/innen mit ebenso speziellen Aufgaben zu betrauen. Der Pflegedienst
Sprave hat sich für ein anderes Vorgehen entschieden, das in Fachkreisen ?Bezugspflege
genannt wird.


Pflege braucht Zeit

Bei der Bezugspflege geht es in erster Linie darum, dass eine Pflegekraft in dezentral
gestalteter Verantwortung für immer gleiche Patienten tätig ist. Darauf vor allem kommt es
an. Die Patienten/innen können sich an ?ihre? Pflegekraft gewöhnen, Vertrauen aufbauen
und die Pflegekraft hat ausreichend Gelegenheit dafür, den betreffenden Menschen genau
kennen zu lernen, der ihrer Pflege anvertraut ist. Wenn dann etwas besonderes nötig ist,
ob auf dem Gebiet der auf den Körper bezogenen Pflege oder im sozialen oder seelischen

Bereich, wird die in der Bezugspflege dafür zuständige Pflegekraft das Notwendige auch
veranlassen. Bezugspflege geht von einem ganzheitlichen Menschenbild aus, in dem ein
Patient nicht auf die Funktionen und Gebrechen seines Leibes reduziert wird, sondern als
Einheit von Leib, Seele und Geist verstanden wird. Andererseits ist der Rahmen, in dem
sich Pflege ereignet immer der gleiche, egal von welchem Pflegemodell man ausgeht: Es
steht jedem Pflegedienst immer die gleiche Zeit zur Verfügung. Das Kunststück besteht
mithin darin, in den Vorgaben, die sich besonders aus den Modalitäten der
Leistungsvergütung ergeben, ausreichend Freiräume für das zu schaffen, worum es in der
Bezugspflege vor allem aus der Sicht der Gepflegten in erster Linie geht: Menschlichkeit
und darauf gegründetes Vertrauen!

Zeit ist für all das ein kostbares Gut. Das gilt für jeden Menschen, immer und überall und
auch für einen Pflegedienst, der seine bei den Patienten geleisteten Stunden abrechnet
und so seine Einnahmen erwirtschaftet. Wie sie damit in der Praxis ihres Pflegedienstes
umgeht beschreibt Ulrike Sprave so: Sicher müssen wir die Patienten in einer gewissen
Zeit versorgen, das ist klar und da gibt es Vorgaben, die uns rein aus dem Wirtschaftlichen
immer begleiten. Wenn unsere Mitarbeiter/innen aus der Frühschicht die um 6.00 Uhr
beginnt mal später zurück kommen als sonst üblich, dann interessiert es mich nicht, wie
lange jemand bei dem einen oder anderen Patienten war, sondern ich möchte nur
plausible Erklärungen dafür bekommen, was insgesamt gesehen der Grund für eine
Überschreitung der Zeitvorgaben ist. Dafür kann es im Alltag ja absolut verständliche
Gründe geben, manches ist zum Beispiel sehr stark von der Tagesform abhängig, in der
sich einerseits die Gepflegten und andererseits auch die Pflegenden befinden.?

Nun wird über den Punkt der Zuwendung von Pflegekräften zu den Gepflegten unter dem
Aspekt der Zeit in den Medien immer wieder diskutiert. Ist genügend Raum dafür da, im
Zusammenhang mit der Pflege (des Leibes) auch dem Zwischenmenschlichen und den
seelischen Bedürfnissen der Gepflegten genügend Aufmerksamkeit zu widmen? Ulrike
Sprave meint, dass man dafür den erforderlichen Zeitraum schaffen kann und bemüht sich
als Pflegedienstleitung entsprechende Gelegenheiten zu schaffen und zu würdigen. Ihrer
Erfahrung nach bedarf es mitunter keiner großen und langen Maßnahmen, damit sich
zwischenmenschliche Begegnungen auch in einem Bereich ereignen können, der mit den
auf den Leib gerichteten Pflegen zunächst nichts zu tun hat, der aber für das
Wohlbefinden von großer Bedeutung ist. Kleine Aufmerksamkeiten sind es, die bereits
eine andere Qualität der Begegnung in den Alltag von Pflegenden und Gepflegten bringen.

Ich weiß von einer Patientin, die den ganzen Tag allein ist und wo abends jemand von
uns hinfährt. Und dann, auf dem Weg zur Patientin, kommt unsere Mitarbeiterin immer an
einer Eisdiele vorbei. Dann kommt es schon mal vor, dass sie dort für die Patientin ein Eis
kauft und ihr mitbringt. Das ist eine Kleinigkeit, die Großes bewirkt. Sie nimmt sich die Zeit,
mit der Patientin dann erstmal das Eis zu essen und schafft auf diese Weise eine
wunderbare menschliche Begegnung, die den Alltag der Patientin bereichert.?

Ulrike Sprave nennt das Menschenpflege?, die weit mehr ist, als die rein körperliche
Pflege. Das verbindet sich, wie gesagt, mit einer besonderen Aufmerksamkeit vor Ort, die
aber einerseits erst durch entsprechend gestaltete Dienstpläne gefördert wird und der
andererseits auf Seiten der Pflegekräfte eine Intention zugrunde liegt, die im Pflegedienst
Sprave auch durch Fortbildungen angeregt wird. Die Kunden des Pflegedienstes werden
darüber so informiert: Bei der Auswahl unserer Mitarbeiter legen wir größten Wert auf
fachliche sowie soziale Kompetenz und Teamfähigkeit. Jeder Mitarbeiter des
Unternehmens wird als eigenständige Persönlichkeit akzeptiert und individuell behandelt.
Für unsere Mitarbeiter ist der freundliche und zuvorkommende Umgang mit unseren
Kunden eine Selbstverständlichkeit. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Mensch als

Ganzes, nicht seine Erkrankungen. Unsere Mitarbeiter sind füreinander da. Sie arbeiten
miteinander  nicht gegeneinander.


Auf die Menschen eingehen

Mitunter ist ausgesprochenes Feingefühl gefragt, wenn es darum geht, körperliche Pflegen
durchzuführen. Es sind Erinnerungen und Erfahrungen, die jeder Mensch mit sich trägt
und die plötzlich auftauchen können. Es kann sein, dass eine Patientin plötzlich große
Probleme damit hat, sich pflegen lassen, erläutert Ulrike Sprave, ?weil sie als junge Frau
im Krieg und auf der Flucht Schreckliches erfahren hat, woran sie sich jetzt wieder
erinnert. Die heutigen Alten haben Krieg und Vertreibung nicht selten am eigenen Leib
erfahren. Da gilt es, als Pflegekraft besonders aufmerksam und behutsam zu sein, denn
ein Mensch ist eben keine Maschine. Mitunter zeigen sich die Regungen der Seele bei
alten Menschen dadurch, dass sie traurig werden, auch mal an schweren Erinnerungen
hängen bleiben. Da muss man dann einen Weg finden, wie sich der Kummer umschiffen
lässt, erklärt die Pflegedienstleiterin. Vom Thema ablenken oder etwas Fröhliches sagen,
das könnte in so einem Augenblick funktionieren.? Auf den ganzen Menschen kommt es
an, beim Pflegenden, dessen Geistesgegenwart gefordert ist und beim Gepflegten, der
auch mit seiner Seele beteiligt ist und reagiert, wenn sein Leib gepflegt wird.

Etwas anderes ist es noch, wenn sich für einen Menschen demenzielle Veränderungen
abzeichnen. Dann verschwindet das klare Gegenwartsbewusstsein, der Mensch haftet
unter Umständen an einer viele Jahre lang zurückliegenden Vergangenheit und erlebt das
jetzige Leben nicht als Hier und Jetzt, sondern durchtränkt mit den Erfahrungen einer
anderen Zeit. Dann ist der schon lange verstorbene Ehepartner nicht tot, sondern wird
erwartet. Der Teller wird auf dem Tisch für ihn bereit gestellt, das Essen gekocht.
Wirklichkeiten erscheinen als verschoben, womit insbesondere nahe Angehörige große
Probleme haben können, die die eintretenden Veränderungen im Befinden und Verhalten
ihres Angehörigen nicht mehr verstehen. Wir versuchen in Gesprächen zu erklären, was
da los ist. Es ist ja so, dass die Angehörigen oft schon allein deshalb überfordert sind, weil
sie zu wenig über Altersdemenz wissen. Sie können das veränderte Verhalten des
Erkrankten nicht verstehen und einordnen.

Die Begleitung ist ein wichtiges Element in der Pflege, wie sie Ulrike Sprave meint. Dazu
gehört für sie selbstverständlich auch, dass man die sonst zuhause Gepflegten besucht,
wenn sie mal für eine Zeit lang ins Krankenhaus müssen. Für die Menschen da sein, dass
will sie und das wollen auch all diejenigen, die vermutlich gerade deshalb den Beruf
gewählt haben, den sie nun als Mitglieder des Teams im Pflegedienst Sprave ausüben.
Dass das nicht immer leicht ist, wenn die eigenen Kunden im Krankenhaus sind oder von
dort zurück nachhause zurück kommen, ist allerdings auch eine alltägliche Erfahrung. ?Im
Krankenhaus ist häufig wenig Zeit da, sich mit den Patienten zu befassen. Da kann es
sein, dass es sogar zu echten Rückfällen kommt?, weiß Frau Sprave. ?Jemand, den wir
schon so weit hatten, dass er zum Beispiel wieder richtig gehen konnte, wird im
Krankenhaus zu wenig Gelegenheit dafür geboten, sich zu bewegen und die
Beweglichkeit weiter zu üben. Dann fangen wir nach einem Klinikaufenthalt unter
Umständen wieder fast von vorne an.

Es könnte sich vieles tun im medizinischen Leistungsbereich und in der Art, wie man darin
übergreifend zusammenarbeitet. Wenn der Kostendruck nicht so groß wäre, wenn man
den Pflegenden mehr Zeit geben würde, sich ihrer Aufgabe anzunehmen, liefe vieles
besser und entspannter. Frau Sprave versteht es trotzdem, die Freiräume zu schaffen, die

notwendig dafür sind, dass ihre Mitarbeiterschaft den Aufgaben im Sinne des Leitbildes
vom Pflegedienst nachkommen kann, bei dem der Mensch immer im Mittelpunkt steht und
nicht allein seine Erkrankungen. Das wissen viele Menschen in der Region und darum ist
ihr Pflegedienst auch schon immer so beliebt.




Einer der Texte zu den Gepflegten:

Im guten Glauben kann man alles überwinden

Frau Grum


Die Stadt Castrop-Rauxel war im zweiten großen Krieg fünfmal im Fadenkreuz alliierter
Luftangriffe. Man hatte es auf die Zechen und Chemiefabriken abgesehen, aber auch
Wohngebiete wurden bei den Bombardements nicht verschont. Am 3. April 1945, der Krieg
ist fast vorbei, ist wieder so ein Angriffstag. Da war plötzlich tiefes Grollen am Horizont,
Menschen in Angst rennen in den nahen Bunker. Auch außerhalb vom eigentlichen
Stadtkern und weit ab von Zechen und Fabriken. In einem Haus harren sie aus. Zwei
Menschen, einer, der nicht laufen kann und die Mutter von Frau Grum, die den
gehbehinderten Mann jetzt nicht allein lassen will. Sie sind im Keller des Hauses, das der
Vater Grum gebaut hat, nachdem er nach langem Hin und Her nach seinem Unfall auf der
Zeche die Rente bekommen hatte. Er hat nicht viel können beim Hausbau, aber auf dem
Stuhl sitzen und zehntausende Steine klopfen, das ging gerade noch. Alles an diesem
Haus ist selbst und mit viel Schweiß gebaut worden. Ein gutes Stück Erinnerung und ein
ausgezeichneter Grund für bescheidenen Stolz.

Bei diesem Fliegerangriff Anfang April trifft eine Bombe das traute Heim. Alles stürzt ein,
zersplittert, verbrennt. Nachbarn kennen sich aus mit dem Graben. Sie sind Bergleute,
erfahren, sicher mit ihren Händen. Trotzdem dauert es vier geschlagene Stunden, bis man
die beiden wie durch ein Wunder Unversehrten unter den Trümmern hervorholen kann.
Frau Grum, damals eine junge Frau war selbst im Sauerland in Sicherheit. Sie trägt ihr
erstes Kind unter dem Herzen. Im April 45, da wurde so vieles anders in ihrem Leben.
Dem Bombenangriff mit der Zerstörung des Elternhauses und dem knappen Überleben
der Mutter folgte am übernächsten Tag die Geburt ihrer Tochter und dann, zwei weitere
Tage später der Tod des Ehemannes. Wie man das aushalten kann als Mensch und dann
auch noch unverbrüchlich an das Weiter glaubt, ist nahezu unvorstellbar. Aber nun sitzt sie
da in dem Haus, dass sie nach dem Krieg, erneut mit eigenen Händen, wieder aufgebaut
haben.

Seit 86 Jahren lebe ich hier in diesem Haus und war eigentlich nie woanders.? Frau Grum
kam schon als kleines Kind hierher, als sie vier Jahre alt war. Sie war das sechste und
jüngste Kind in der Familie, die schon ein Schicksal zusammengefügt hatte: Der erste
Mann ihrer Mutter und Vater der fünf Geschwister von Frau Grum war im ersten großen
Krieg gefallen. Schicksal gab es so viel im Leben dieser nun fast 90jährigen Frau. So viel,
dass man sich fragt, wie so etwas für einen einzigen Menschen wohl angehen kann.

Mit 14 kam ich ins Landjahr nach Oberschlesien. In der Weimarer Republik hatten sie

sich das Landjahr einfallen lassen, um den jungen Leuten, die nach der achten Klasse die
Schule verließen, ein Angebot für Arbeit zu machen. Die Nazis hatten das fortgeführt und
so musste auch Frau Grum zu ihrem Dienst. Das Landjahr dauerte neun Monate, von April
bis Dezember. Da sollte sie, wie alle Jugendlichen der damaligen Zeit arbeiten lernen und
ihren Willen festigen.

Frau Grum kam aus einem Elternhaus mit einer tiefen christlichen Gesinnung und viel
Kultur. Wir haben viel Musik gemacht. Alle spielten ein Instrument und sangen. Wenn
jemand an unserem Haus vorbeiging, konnte der denken, hier sei ein ganzer Chor am
Werk. Es war alles wunderschön, so dass ich gern an meine Kinderzeit zurück denke. Es
war hart, aber ich hatte liebe Eltern, die zwar streng waren, aber auch gerecht und
liebevoll. Ihr Vater, der zweite Mann ihrer Mutter, trug alle gleichviel im Herzen. ?Das Wort
Stiefkinder fiel gar nicht. Wir waren für unsere Eltern, also auch für meinen Vater alle
gleich. Es war eine gute Familie, harmonisch, lebendig und stark. Frau Grum weiß bis
heute, dass es das war  und ihr Glaube an Gott ? was sie immer so stark sein ließ. Nicht
die Erziehung von außen lässt das Gute und Schöne im Menschen reifen, sondern die
Herzenswärme von innen, die durch gute Erziehung allenfalls entfacht und genährt
werden kann.

Nach dem Landjahr hatte sie ihre Lehre gemacht und auch noch das Arbeitsjahr. Sie hat
alles ebenso fröhlich und optimistisch gemeistert, wie sie damals, als kleines Kind, in den
Feldern und Wiesen gespielt hatte, die da noch das Elternhaus umgaben. Wirklich
verbittert war sie nie in ihrem Leben, das ihr doch immer wieder allen Grund dafür gab.
1945 war der April so ein Tiefpunkt, der den Glauben ans Gute beanspruchte. Was sollte
denn noch alles geschehen. Was hatte Gott mit ihr vor? Es gab manchmal Situationen,
da hatte ich keine Tränen mehr, weil so viel auf mich eingestürmt ist.? Das Alte Testament
erzählt die Geschichte von Hiob, dem Menschen, der durch unsägliches Leid in seinem
Glauben geprüft wird und der besonders in der Kriegs- und Nachkriegszeit für viele
Menschen zum Alter Ego geworden war. Sie waren alle Hiob sehr ähnlich geworden. Sie
standen dem Leiden zu nah!

Frau Grum hat damals beim Wiederaufbau mit angepackt. Das einstige Haus war ein Berg
von Schutt und Dreck. Das meiste war unbrauchbar und musste für einen Wiederaufbau
von neuem besorgt werden. Aber woher? Das die Stadtverwaltung den Wiederaufbau
zunächst untersagen wollte, war das eine. Das konnte verhindert werden. Das andere war,
dass man ihnen zur Auflage gemacht hatte, für mindestens vier Familien zu bauen. Es
waren damals viele, die kein Obdach mehr hatten.

Die damals noch junge Frau und Witwe mit kleinem Kind baute mit, brachte sich ein bis
zur gänzlichen Erschöpfung. Ich konnte abends meine Arme nicht mehr bewegen.? Alles
musste irgendwie auf irgendwelchen Wegen organisiert werden. Wie sie das gemacht
hat? Mir haben immer irgendwelche Menschen geholfen. Der Baurat gab uns Scheine für
Zement, ohne die wir sonst nichts gekriegt hätten. Da wurde ja immer gekungelt, aber zum
kungeln hatten wir nichts.? Für die Maurer mischte sie den Speiß in großen Fässern, den
sie dann in Eimern über Leitern nach oben trug. Dann stand das Haus da und sie hatten
sogar Türen. Nur die Klinken fehlten noch. Da gab es einen Laden, da gab es Türklinken.
Das hatte ich im Schaufenster gesehen. Also bin ich rein und hab gesagt, dass ich acht
Stück brauche. Die gaben mir aber nur drei. Na ja, besser drei, als gar keine. Später kam
ich wieder, als jemand anderes im Laden war und bekam wieder drei Klinken. Und noch
später machte ich das wieder, da hatte ich neun. Das war dann gut.? Auch die
Elektroinstallation wurde zur Lebenserfahrung. Einmal im Zug kam ich mit einem
wildfremden Mann ins Gespräch, dem ich erzählt habe, dass wir Kabel und so brauchen,

um unser Haus fertig zu machen. Der hat sich das alles aufgeschrieben und dann kam ein
Paket mit allem drin - nur ohne Rechnung, er hatte uns das alles einfach so geschickt.?

Für Frau Grum ist eines immer noch klar: Ich weiß auch heute noch, dass die Not ebenso
groß ist, wie die Hilfe, die man bekommen kann. Es gibt nichts im Leben, das man nicht
schaffen und bestehen kann. Die Not ist es auch, die den Menschen prägt.? Und das
Schicksal, das es offensichtlich geben kann, wenn Menschen sich ihm zu öffnen
verstehen. Wir brauchten Bretter für den Fußboden. Da kam ein Mann vom Sägewerk,
der alles ausgemessen hat. Der wurde später mein zweiter Ehemann.?

Mit einem Textilgeschäft hat Frau Grum sich später selbstständig gemacht. Sie handelte
mit Kleidung und Heimtextilien. Das hat mir viel Spaß gemacht, aber nach 15 Jahren
musste ich das Geschäft aufgeben, denn meine Beine wollten nicht mehr.? Dass sie noch
einmal Mutter werden könnte, hatte sie lange nicht mehr geglaubt. Dann wurde sie
dennoch wieder schwanger und gebar nach abenteuerlicher Schwangerschaft zu früh
ihren Sohn. Um ihn musste sie auch kämpfen. Man gab ihm nicht viel Lebenszeit, so klein
und schwach und blind  war er zur Welt gekommen. Die Ärzte meinten damals, er
würde vielleicht 14 Jahre alt. Aber er hat es geschafft, hat alles geschafft, wie seine Mutter,
bei der er heute noch lebt. Sie sind ein Team, dass das Leben zusammengeschweißt hat.
Frau Grum ist nun eine alte Frau geworden, hat Enkel und Urenkel. Manches geht nicht
mehr so wie früher. Sie benötigt jetzt Hilfe. ?Mir werden von überall Hilfen angeboten.
Dafür bin ich sehr dankbar. Denken Sie mal, dass ich mich nicht an- und ausziehen kann.
Da brauche ich Hilfe, die ich vom Pflegedienst bekomme. Wissen Sie, als ich über 30
Operationen hinter mir hatte, da habe ich damit aufgehört zu zählen. Danach habe ich
mich immer einigermaßen erholt. Vieles geht nicht mehr, aber ein bisschen schon. Mal
einen Topf Suppe kochen, das geht noch. Und wenn ich rausgehe, ums Haus, dann kann
ich das auch nicht mehr allein. Da hilft mir mein Sohn. Früher habe ich ihn an die Hand
genommen und ihm so geholfen, heute macht er das mit mir. So geht das, nicht wahr.?

Not bringt Nähe und schweißt zusammen. Manches im Leben, das anmutet, als wäre es
für einen Menschen viel zu viel, ist dennoch eine Gnade, wenn man es als
zeitgenössischer Hiob zu nehmen weiß. Durch meinen ganz starken Glauben an Gott
konnte ich alles meistern, was das Leben mir beschert hat.